Dienstag 29 April 2008 um 09:33
Ein offener Brief vom Internet zum Tag des Geistigen Eigentums
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
gestern war der Tag des des geistigen Eigentums, und sie haben einen Brief von einhundert selbstlosen Kulturschaffenden erhalten, die aufgrund der unmoralischen Nutzung des Internets in Sorge sind, dass der Nachwuchs demnächst für sein Geld dauerhaft hart zu arbeiten gezwungen sein könnte und niemand mehr mit einem einzigen Supererfolg für alle Zeiten ausgesorgt haben wird.
Kulturschaffende waren bereits im vorigen Jahrhundert durch das Aufkommen von Kompaktkassetten, Videorecordern, Photokopiergeräten und CD-Brennern vom Ruin bedroht. Als plötzlich jedermann Kopien und Mitschnitte von Rundfunksendungen anfertigen konnte und diese an alle seine Freunde verschenkte, hat das die Kultur zwar beflügelt, aber das konnte ja niemand wissen. Das darf sich nicht wiederholen. Diesmal muss der Fortschritt aufgehalten werden. Im 19. Jahrhundert zerstörte die ungehinderte Einführung von Kältemaschinen eine florierende weltweite Eistransportindustrie, und im 20. Jahrhundert trieb der Verbrennungsmotor zahlreiche Dampfmaschinenhersteller und Pferdezüchter in den Ruin. Weltweit gingen Millionen von Arbeitsplätzen verloren, Aktionäre gingen bankrott. Diese Beispiele zeigen, daß der technologische Fortschritt mit Leichtigkeit höchst erfolgreiche Geschäftsmodelle zerstören kann, was für die Betroffenen sehr unangenehm ist.
Dank Ihres vorbildlichen Einsatzes, Frau Bundeskanzlerin, haben die Chinesen völlig damit aufgehört, einfach etwas zu kopieren, leben im Wohlstand und schützen ihre Bürger vorbildlich vor gefährlichen Inhalten aus dem Internet. Auch England und Frankreich nehmen sich bereits ein Beispiel an China.
In Deutschland dagegen wurden allein im vergangenen Jahr
über 300 Millionen Musikstücke im Wert von 100-200 Millionen Euro illegal aus dem Internet heruntergeladen. Im Durchschnitt hat sich also jeder Bundesbürger einen unrechtmäßigen Vorteil von fast 2 Euro verschafft, zehnmal mehr, als legal verkauft wurde. Welch Wachstum und Wohlstand für Deutschland hätte man mit 100 Millionen Euro mehr in den Händen der Contentindustrie wohl erreichen können?
Die Versuche, dem Verbraucher mit technischen Mitteln unmoralische Handlungen zu erschweren, waren überraschenderweise kontraproduktiv, da offenbar trotz aller Aufklärungsbemühungen nur wenige Konsumenten bereit sind, für defekte Produkte bei eingeschränkter Vielfalt Geld auszugeben, während funktionierende Produkte in voller Vielfalt einfach so aus dem Internet heruntergeladen oder von Freunden kopiert werden können. Aber das Internet wurde schliesslich nicht erfunden, um frei Informationen auszutauschen, sondern schnell viel Geld zu verdienen zu können.
Es kann nicht sein, dass weiterhin alle Bevölkerungsschichten, darunter auch viele mittellose Jugendliche und das sozial Schwache sich für wenig Geld Kulturgenuss verschaffen und dafür gerade einmal 6.7 Mrd. Euro Rundfunkgebühren, hunderte Millionen an Pauschalabgaben und Milliarden an Mehrwertsteuern auf technische Geräte entrichten? Oder noch schlimmer, sich vielleicht Fernsehaufzeichnungen mit herausgeschnittener Werbung ansehen? Diese existentielle Bedrohung des Nachwuchses unserer Kulturelite ist eine Bedrohung Deutschlands als Kulturstandort, so wie wir ihn kennen.
Was, wenn jeder Film, jedes Musikstück und jedes Buch, das jemals aufgezeichnet wurde, legal heruntergeladen werden könnten, statt kontrolliert vermarktet und rechtzeitig entsorgt zu werden, um Neuem Platz zu machen? Da müsste der Nachwuchs ja bessere Produkte liefern als die Alten, und man müsste selbst entscheiden, was man rezipieren soll, oder sich auf Empfehlungen von Freunden verlassen, statt wie bisher bequem ummarktet zu werden.
Und Sie können es unmöglich zulassen, dass Nachwuchstalente unter Umgehung der etablierten, hoch entwickelten Verwertungskonzerne direkt an den Verbraucher verkaufen. Schliesslich tragen diese Konzerne mit ihren selbstlosen Spenden erheblich zur politischen Willensbildung in unserem Land bei. Die Musik und Filmindustrie (1,6 bzw. 3 Mrd. € Umsatz) darf nicht weiterhin nur ein Mitesser am Gesäß der IT-Industrie (134 Mrd. €) bleiben, denn sie versorgt viele Stars, die wichtige Multiplikatoren sind und mit denen Sie, Frau Bundeskanzlerin, es nicht nicht verscherzen sollten. Bitte sorgen Sie dafür, das die Contentindustrie sich an prominenterer Stelle im Wirtschaftskreislauf festsetzen und sich ungehindert ausbreiten kann.
Ihre möglicherweise bestehenden Befürchtungen hinsichtlich der Popularität der notwendigen Massnahmen sind verständlich, aber Sie können sicher auch hier erfolgreich auf europäische Richtlinien verweisen, die umgesetzt werden müssen. Erfreulicherweise konnte ja Deutschland bereits dank der kostenlosen Mitarbeit von Konzernvertretern in den Ministerien deutliche Fortschritte bei der Wirtschaftsfreundlichkeit der Gesetze erreichen.
Geistiges Eigentum ist das Öl des 21. Jahrhunderts. Wo kämen wir da hin, wenn jeder Bürger in unserem Land Öl beliebig und zu geringen Kosten vervielfältigen könnte? Wir, das Internet, möchten Sie daher bitten, die Angelegenheit zur Chefsache zu machen, da es wohl derzeit kaum wichtigere Probleme gibt, um die Sie sich kümmern müssten.
In Hoffnung auf ihre Unterstützung und mit freundlichen Grüssen
Das Internet
Samstag 12 April 2008 um 18:10

Seit etwa 50 Jahren wird Tibet von den Rotchinesen besetzt. Seit 50 Jahren - nicht seit vier Wochen, wie man annehmen kann, wenn man die Medien betrachtet. Quasi über Nacht wurde Deutschland zum Land der Tibet-Spezialisten. Ein Hype geht durchs Land.
Politiker aller Farben reden plötzlich über ein Land, das sie vor fünf Wochen gar nicht kannten.
Die Bloggerscene ist natürlich, wie immer, vorne mit dabei. Thema ist, wie immer in Deutschlands Bloggerscene:
"Die bösen Medien und "wir" haben es schon immer besser gewusst" während die
Medien wie ausser Sinnen auf China herumhacken.
In manchen Foren geht es heiss her. Die ewigen Opportunisten haben die beiden "
Anti-Dalai-Lama" Bücher neu entdeckt und werfen dem Oberhaupt der Tibeter vor, dass es in Tibet in den 50er Jahren Leibeigenschaft und sexuelle Unterdrückung der Frauen gab. "Das Einzige, von dem Tibet bedroht ist, ist die Moderne", "China hat in Tibet die ersten Krankenhäuser und Universitäten gebaut", usw usw. Ihnen gegenüber stehen die "Tibet-Fanatiker" und Anhänger der "Dalai-Lama-Sekte".
Dabei ist das Niveau der Diskussionen typisch deutsch. Über Nacht sind alle Experten geworden. Keiner dieser Experten war jemals in Tibet, keiner kennt einen Tibeter, keiner hat sich länger als 30 Minuten mit dem Buddhismus beschäftigt. Als Wissensquelle dienen buddhistische Fachmagazine wie Spiegel oder Focus oder die Junge Welt.
Die deutschen Tibet-Experten, die sich jeden Tag wie Kaninchen vermehren sind jedoch ziemlich einseitig. Während sie die chinesische Regierung kritisieren, weil sie die antichinesischen Pogrome junger Tibeter niederschlug, schweigen sie über das Thema Guantanamo und Irak. Im Irak sind im letzten Jahr mit Sicherheit mehr Zivilisten getötet worden als in Tibet, doch das ist kein Thema in Deutschland.
China = böse
USA = gut
Endlich kann man seinen Menschenrechts-Senf mal loswerden. Ein gemeinsames Hass-Objekt, namens China gibt die Gelegenheit dazu solidarisch Hass auszuüben, wie früher der "Prügelknabe". Vorletzte Woche war es "Florida-Rolf", letzte Woche war es SPD und diese Woche ist halt China dran. Jede Woche wird eine neue Sau durchs mediale Dorf getrieben, oberflächlich abgearbeitet und dann geschlachtet.
Die Politiker, die sich gerne mit dem Dalai Lama fotografieren lassen, weil es ihr Image hebt, haben alle nur Maulaffen feil gehalten. Eine richtige Stellungnahme habe ich von offizieller Seite nicht gehört. Das NOK ist auf chinesischer Seite. Die deutsche Wirtschaft warnt schon jetzt mit gekauften Expertisen vor eventuellen Wirtschafts-Boykott-Ideen. Soweit die offizielle Seite. Mit Moral hat die nichts am Hut.
Die Moral wurde jetzt staffelmässig an die Sportler weitergegeben. Die Öffentlichkeit fordert jetzt von den Sportlern, sich in China zu äußern. Die gesamte Reaktion des Westens auf 50 Jahre Repression kulminiert also während der Spiele in einem Armband mit der Aufschrift "Menschenrechte sind Klasse".
Donnerstag 03 April 2008 um 18:03
Der Kampf der Linken gegen den Dalai Lama
Es ist völlig in Ordnung, wenn man den Dalai Lama kritisiert. Das vorweg. Die Formulierungen von Christine Schneider von der Linken jedoch erinnert mich an alte Klassenkampfzeiten und die Flugblätter der DKP aus längst vergangenen Tagen. Scheinbar hat es die Linke immer noch nicht geschafft Leute aus ihren Reihen zu entfernen, die den marxistischen Klassenkampf zu ihrem persönlichen Lebensziel erklärt haben, obwohl die Zeiten sich schon vor 20 Jahren geändert haben.
Christiane Schneider ist so eine Person. Schon in den 70er Jahren aktives Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland. Ihre Äusserungen lassen den Schluss zu, dass sie sich wirklich gut in den Propagandaschriften der Kommunisten und auch ein wenig mit China auskennt. Glaube und Religion scheint sie völlig abzulehnen und mit Tibet hat sie sich wohl nicht länger als 45 Minuten befasst. Mit dem Dalai Lama wohl gar nicht.
Zitat:
"Was in Tibet in den letzten Wochen genau geschehen ist, wodurch die Ereignisse ausgelöst wurden, welcher Dynamik sie unterlagen, das ist bisher nicht genau bekannt. Die Weltgesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten keine guten Erfahrungen mit Religionsführern gemacht, die sich als Repräsentanten gesellschaftlicher Opposition in die Politik gedrängt haben. Ich erinnere zum Beispiel an Chomeini."
Uuuh. Das tut ziemlich weh. Voll auf der Linie Chinas. Undifferenziert. Völlig daneben. Aber Schneider kann noch mehr:
"Mir persönlich ist die breite Verehrung für den Dalai Lama hierzulande immer unverständlich geblieben. Die Figur - ich rede hier nicht von der Person, sondern von der Rolle - des Dalai Lama verkörpert die Einheit von religiösem und politischem Oberhaupt. Sie symbolisiert damit die Vergottung von politischer Macht (wie früher der Kaiser von China, "Sohn des Himmels") und damit etwas durch und durch Vor-Demokratisches."
Glaube ist Opium fürs Volk. Das ist die Linie Chinas. Dass der Dalai Lama schon lange nichts mehr mit Politik im eigentlichen Sinne in Tibet zu tun haben will und China als "Machthaber" grundsätzlich anerkennt - egal. Hauptsache chinesische Linie halten.
"Die VR China hat sich aus der Erniedrigung kolonialer Abhängigkeit durch das imperialistische Ausland durch einen langen Krieg befreit..."
Achdumeinegüte. Das ist der Griff in die politische Klamottenkiste. Das klingt ziemlich Hirntot.
Sie hätte wirklich Grund gehabt für Kritik. Kritik an der einseitigen Berichterstattung auf beiden Seiten. Kritik daran, dass der Westen NUR die Position des Dalai Lama in den Medien spiegelt und die anderen Organisationen und Positionen der Tibeter zur Situation in Tibet unbeachtet lässt und vieles mehr. Das alles hat Schneider nicht getan und uns offenbart, welch Geistes Kind sie ist.
China gut, Dalai Lama schleicht, Kuba gut, USA schlecht. (Hab ich was vergessen)
Ich habe nichts dagegen, dass sie so denkt. Soll sie. Aber bitte nicht einem demokratischen Parlament der Bundesrepublik Deutschland. Da haben solche Hirntoten Positionen nichts zu suchen. Solange die Linke es nicht schafft diese Altlasten aus der Partei zu entfernen oder Mundtot zu machen, ist und bleibt sie unwählbar für viele. Diese 0,001 Prozent der Stimmen am linken Rand kosten sie 10 Prozent der Stimmen auf der bürgerlichen Seite.
Setzt Schneider in einen Zug nach Peking! Ohne Rückfahrkarte! Die Anhänger der cubanischen Diktatur könnt ihr gleich mitschicken.