Die Wahrheit im Spiegel? BILD für Intellektuelle...
Samstag 23 Dezember 2006 at 09:03 amIch lebe leider in bösen Zeiten. Die mittelmässige Elite, die unser Land im Moment kaputtmacht, hat auch Freunde und Abhängige in der Presse. Da wird im Moment gelogen, dass sich die Balken biegen. Aus völlig unscheinbaren und nichtssagenden Nachrichten werden "Erfolgsmeldungen" geschmiedet. Manchmal wird die Wahrheit einfach verdreht und gelogen. Nein, ich spreche nicht von der BLÖD-Zeitung sondern vom SPIEGEL.
Im SPIEGEL 48/2006 vom 27. November 2006 steht unter der Überschrift "GEWERKSCHAFTEN - Stille Rebellion" folgendes zu lesen:
In Bayern widersetzt sich ein Betriebsrat erstmals der IG Metall und kehrt allein zur 40-Stunden-Woche zurück. Die Gewerkschaft muss zusehen, wie Mitglieder ihr Schicksal selbst bestimmen.
Die fürsorgliche Firma ist das alte FAG Kugelfischer-Werk. Es gehört seit 2001 zur weltweit agierenden Schaeffler Gruppe und ist trotz aller Beschaulichkeit gerade dabei, eine der zentralen Errungenschaften der mächtigen IG Metall aus den Angeln zu heben:
Die Mitarbeiter haben im Alleingang die 35-Stunden-Woche gekippt. So etwas gab es in Deutschland noch nie.
Im August unterbreitete der Elfershausener Betriebsrat der Geschäftsführung den Vorschlag, dass die Mitarbeiter freiwillig bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten.
Ganz im neoliberalen Stil, diese Nachricht. Die dummen, blockierenden Gewerkschaften haben endlich ihren Hintern bewegt, dachte da vielleicht so mancher nicht nachdenkender Leser. In Wahrheit war es anders, wie der offene Brief
von DGB-Vorsitzende Firsching beweist:
Offener Brief
Sehr geehrter Herr Tietz,
sehr geehrte Damen und Herren der Spiegel- Redaktion,
in ihrem Artikel "Stille Rebellion" (Spiegel Ausgabe 48/2006)
beschäftigen Sie sich mit der Situation im Werk Elfershausen der
Schaeffler KG. Thema ist die Rückkehr zur 40 Stunden/ Woche, die
der Betriebrat und die Belegschaft gemäß Ihrer Darstellung gegen
den Willen der hiesigen IG Metall freiwillig mit der Geschäftsleitung
ausgehandelt hat, um ihr Werk und damit ihre Arbeitsplätze zu retten.
Das Credo und die Stoßrichtung des Artikels sind relativ simpel:
Bornierte Gewerkschaftsfunktionäre lassen eine Belegschaft im Stich,
die sich gegen dogmatische Blockaden zur Wehr setzt und damit ihre
Arbeitsplätze rettet.
Mir ist wohl bewusst, dass diese Sichtweise die ideologische
Denkweise des Spiegels wiedergibt und durchaus genügend
Anhänger in der Republik findet. Unsere wichtige Presse- und
Meinungsfreiheit ermöglicht auch einen breiten journalistischen
Spielraum zur Darstellung von Sachverhalten.
Zu beanstanden ist hier jedoch, dass in dem Artikel der Eindruck
erweckt wird, die Belegschaft und der Betriebsrat würden aus
eigenem Wunsch freiwillig zur 40 Stunden/ Woche zurückkehren um
das Werk wieder profitabel zu gestalten. Wörtlich heißt es *Dort geht die Vereinbarung allein auf die Initiative der Belegschaft zurück,...".
Diese Darstellung entspricht nachweisbar nicht der Wahrheit.
Am 18. November 2005, in einer Betriebsräteschulung des DGBBildungswerk
mit Prof. Dr. Wolfgang Däubler in Schweinfurt, berichtete unsere Kollegin Bettina Heurung sehr emotional und anschaulich über die Erpressungsversuche der Geschäftsführung. In vier- und sechs- Augen- Gesprächen, so ihre Darstellung, wurde sie vor die Wahl gestellt "entweder bietet der Betriebsrat an 5 Stunden/Woche umsonst zu arbeiten, oder ins Werk würde nichts mehr investiert, Produkte würden nach und nach abgezogen und damit die Zukunft des Werks zerstört." Kollegin Heurung machte, unter großem Applaus von knapp 100 Seminarteilnehmern, klar, dass sich der Betriebsrat und die Belegschaft nicht erpressen ließen. Sie habe der Geschäftsführung auch gesagt, dass die IG Metall als Tarifpartner in der Sache Verhandlungspartner ist und nicht der Betriebsrat. Daraufhin habe die Geschäftsführung *mehr Phantasie" gefordert und angeregt, beispielsweise die Arbeitszeitkonten am Jahresanfang auf minus 250 Stunden zu stellen, um diese dann abzuarbeiten. Die IG Metall müsse davon doch nichts wissen.Die Erpressungsversuche gingen seither weiter, bis Kollegin Heurung und ihre Kollegen im Sommer dieses Jahres zermürbt waren und der Geschäftsführung das von Ihnen zitierte Mehrarbeitsangebot, ohne Einbeziehung der IG Metall, unterbreiteten.Monatelang berichtete Bettina Heurung und ihre Kollegen bis dahin auf vielen internen Versammlungen der IG Metall und des DGB über die weiteren Erpressungsschritte der *Betriebsfamilie Schaeffler". Ich selbst war bei einigen Versammlungen anwesend, habe an einer von mehreren Betriebsversammlung am 13.12. 2005 teilgenommen, wurde von Bettina Heurung durch das Werk geführt und sprach dabei mit vielen Kolleginnen und Kollegen. Somit kann ich, wie viele andere auch, bezeugen, dass die Geschichte eine andere ist als die von Ihnen dargestellte.
Als glaubhaften Zeugen darf ich Ihnen zudem den Diakon und Betriebsseelsorger der KAB Schweinfurt, Herrn Peter Hartlaub enennen. Er hat die BetriebsrätInnen des Werks Elfershausen in dieser Zeit seelisch begleitet und menschlich unterstützt. Sogar einen Solidaritätsgottesdienst hat der Betriebsseelsorger zusammen mit der Belegschaft am 09.Dezember 2005 organisiert. Bei einer Kundgebungvor dem Werkstor bekräftigte Bettina Heurung dabei ihre Ablehnung der von der Schaeffler- Gruppe geforderten 40- Stunden- Woche (Main- Post 13.12.05).
Hintergrund der Auseinandersetzung ist das Ziel der Schaeffler-Geschäftsführung die Rückkehr zur 40- Stunden/ Woche im Konzerndurchzusetzen (siehe SW-VZ, 22.10.05). Damit würden tausende Arbeitsplätze vernichtet und die Gewinne entsprechend gesteigert. Dies zu verhindern ist und bleibt das Ziel der Schaeffler Betriebsräte und der IG Metall. Denn klar und unbestritten ist auch: Für die Anwendung des "Pforzheimer- Abkommens" gibt es keinen Grund.
Der Konzern verdient ausgezeichnet. Er ist keineswegs auf die Erbringung unbezahlter Mehrarbeit von etwa 50 000 Arbeitsstunden/ Jahr aus Elfershausen angewiesen.
Zur Vorgeschichte:
Die Geschäftsführung um Herrn Dr. Geißinger wollte im Jahr 2004 den FAG- Standort Eltmann (ebenfalls IGM Vst. Schweinfurt) mit ca. 750 Beschäftigten schließen und die Produktion verlagern. Es gelang der Belegschaft mit Hilfe der Gewerkschaften unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit jedoch dies zu verhindern. Ich denke schon, dass die gezielte Erpressungsstrategie der Schaeffler KG in Elfershausen die Fortsetzung dieser Auseinandersetzung mit anderen
Mitteln ist.
Ich bitte deshalb darum diesen offenen Brief im nächsten "Spiegel" zu veröffentlichen. Nachdem Sie Ihre Recherchen leider nur mangelhaft bis ungenügend ausgeführt haben, dürfte dies Ihre Pflicht sein, wenn es in der Spiegel- Redaktion so etwas wie eine journalistische Ehre gibt.
Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass es Ihnen darum geht einerseits den Kollegen Klaus Ernst und seiner Partei zu schaden und andererseits die IG Metall zu schwächen. Mit fairem Journalismus hat
das allerdings nichts zu tun. Für ein Gespräch und weitere Auskünfte stehe ich selbstverständlich
gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
Frank Firsching
DGB- Regionsvorsitzender
Main- Rhön/ Schweinfurt
P.S. Ich erlaube mir Ihnen zur besseren Beurteilung ausschnittsweise
drei Zeitungsartikel und eine IGM- Info über die Geschehnisse
beizufügen.
Anlagen:
Artikel Schweinfurter Volkszeitung 22.10.05: *220 Stunden unbezahlte
Mehrarbeit?"
Artikel Schweinfurter Tagblatt 22.11.05: *Was tun gegen
Belegschafts- Erpressung?"
Artikel Main- Post 13.12.05: *Mit Solidarität gegen die Angst"
FAG- Nachrichten der IGM, Nr. 11 26. Oktober 2004
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