Mittelalter, Part II - Kreationismus
Dienstag 03 Juli 2007 at 09:13 amLeider lächeln viele Leute, wenn sie von Kreationisten hören oder lesen. So richtig ernst nehmen? Nee. Das tut kaum jemand. Das ist leider genau was den Kreationisten hilft. Während wir in den Medien täglich von der wörtlichen Auslegung des Koran hören und lesen, wird unsere Gesellschaft langsam und stetig von geistig Verwirrten unterwandert, die für eine wörtliche Auslegung der Bibel stehen. Christliche Taliban. Sie leben mitten unter uns. Sie sind Schulverweigerer. Sie verweigern das, was die Union "Leitkultur" nennt.
Im Moment verteilen die Kreationisten ein 800 Seiten dickes Machwerk mit dem Titel "Atlas der Schöpfung" an unsere Schulen. Zitat:
SZ, Jede Doppelseite ist gleich aufgebaut: Neben Fotografien eines Fisches,
Farns oder Hasen wird ein Fossil oder Bernsteinfund gezeigt. Der
Begleittext lautet dann etwa: "Dieser Hase (ein Fossil-Foto, das einen
halben Schädelknochen zeigt, Anm. d. Red.) lebte vor 38 Millionen
Jahren, heute lebende Hasen sehen genauso aus. Hasen haben sich
Millionen Jahre nicht verändert, womit sie beweisen, dass Hasen sich
nicht entwickelt haben, sondern erschaffen worden sind."
Derart
unterkomplex wird über hunderte von Seiten jedes einzelne Mal derselbe
Zirkelschluss wiederholt: Dieser Knochen sieht so aus wie jenes Tier.
Ergo hat sich das Tier nicht verändert, ergo wurde es vollendet
geschaffen. Conclusio: "Die Schöpfung ist eine Tatsache, die
Evolutionstheorie ein großangelegter Schwindel."
Der Autor des Werkes nennt sich Harun Yahya, heißt eigentlich Adnan Oktar und stammt aus der Türkei. Er zitiert in seinen Werken gern den französischen Rechtsextremisten und verurteilten Holocaustleugner Roger Garaudy, und auf seiner Homepage watet man durch das internetübliche Gebräu aus Verschwörungstheorie, Antisemitismus und Größenwahn. Der französische Erziehungsminister Gilles de Robien ließ das Buch verbieten, der Pariser Biologe Herve LeGuyader schrieb in einem Gutachten, das Buch sei "sehr viel gefährlicher als alle bisherigen Initiativen der Kreationisten". Gerade durch seine luxuriöse Aufmachung und die vermeintlich evidenten Bilder könne er "uninformierte Leser und Schüler sehr effektiv überzeugen."
Wer immer noch meint, dies sei ein amerikanisches Problem und ginge uns nichts an, sollte den kompletten Artikel der Süddeutschen Zeitung mal lesen: Ganzer Artikel
Zitat:
Die Resolution über "Die Gefahren des Kreationismus” wurde im Europarat übrigens von einer knappen Mehrheit vornehmlich christdemokratischer Vertreter abgelehnt. Guy Lengagne, seit zehn Jahren Mitglied des Kultur-Ausschusses sagte, er sei "geschockt" von der Entscheidung, die zeige, "dass wir in Europa an der Schwelle eines neuen Mittelalters stehen und dass so viele Mitglieder des Rats sich dessen nicht bewusst sind."Das mag übertrieben sein. Aber auch der Sektenbeauftragte Bernhard Wolff, der das Anwachsen der evangelikalen Bewegung in Bayern und Deutschland mit wissenschaftlicher Nüchternheit konstatiert, äußert sich "sehr besorgt" über diese Ablehnung, spiegle sie doch die "große Ratlosigkeit, wie wir mit dem Problem des Fundamentalismus umgehen sollen."
Sehr zu empfehlen: Jesus Camp, ein Dokumentarfilm von 2006:
http://www.jesuscampthemovie.com/
http://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_Camp
Jesus Camp ist eine Dokumentation über das evangelikale Sommerlager Kids On Fire (deutsch: Entflammte Kinder) in North Dakota, das von der Pastorin Becky Fischer geleitet und von Kids in Ministry International organisiert wird. In diesem Ferienlager werden Kinder evangelikaler Christen im Grundschulalter dazu angeleitet ihre "prophetische Gabe" zu entdecken und zu stärken. Von der Pastorin werden die Kinder in einer großen, schlichten Kirche dazu aufgefordert sich zu von ihren Sünden "reinigen" und sich ganz der Mission und der Verbreitung evangelikaler Lehren, z.B. dem Verbot von Abtreibung und dem Intelligent Design, zu verschreiben.
So werden die Kinder schon früh auf "Kurs" gebracht. Eine Ähnlichkeit mit den Koranschulen der Taliban nicht mal in Frage gestellt.
Ich finde: Da heisst es aufpassen!
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